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Samstag, 1. November 2014

Meine Liebe zu Insekten

Ist nicht existent.

Und hier in Bolivien wird genau diese Einstellung noch bestärkt. Leute, was es hier für Viecher gibt ist nicht mehr schön.

Fangen wir mit dem harmlosen an: Es gibt natürlich Fliegen wie wahrscheinlich überall auf der Welt. Außerdem gibt es Moskitos (vor allem in meinem lieben fast tropischen Karachi), die sind sau ätzend, die fressen einen richtig, aber Mücken kennt man ja zumindest auch.

Dann gibt es Käfer. In Karachi sicher auch, aber die merkt man da nicht so, weil wir ja noch nicht wirklich Licht haben, nur alle paar Wochen mal zwei Tage. In El Villar trifft man diese Freunde aber jeden Abend an jeder Straßenlaterne oder irgendwie anderen Lichtquelle. Käfer kennt man auch. Aber da gibt es hier schon mal Unterschiede. Zum einen die Anzahl: Man kann abends nicht durch die Straßen laufen, ohne nicht bei jedem Schritt mindestens drei Käfer zu ertreten. Sie sitzen auf dem ganzen Boden. Und fliegen natürlich noch an den Lampen rum. Es sind so, so viele. Und dann ist da noch die Größe: Es gibt hier zwar auch ganz normale kleine Käfer, aber die meisten sind richtig fett. Locker so groß wie ein Daumen oder so. Und einfach nur eklig.

Außerdem gibt es Falter. Riesige! Die sind so groß wie meine Handfläche oder noch größer. Die finde ich auch irgendwie gruselig. Vor allem, weil die hier in El Villar immer so komisch weiß sind, die sehen aus wie Gespenster-Falter.

Dann gibt es natürlich riesige Heuschrecken, aber da hatte ich in Deutschland auch schon nette Erfahrungen mit, also die sind nichts neues, aber dann, tja, dann gibt es da noch Spinnen.

Und die Spinnen sind der reinste Horror. Die mag ich ja schon in Deutschland nicht wirklich, wo sie ja noch echt schön klein sind und auch eigentlich nichts machen. Aber hier sind die… anders. Ich hatte am Anfang mal eine Spinne in meinem Zimmer, neben meinem Bett. Ich fand das ziemlich unangenehm, dachte mir aber, ich liege unter meinem Moskitonetz, die wird mich schon nicht berühren. Diese Spinne war auch gut groß. So drei bis vier Zentimeter mit einem locker ein Zentimeter dicken Körper. Tags drauf hatte ich einen Biss am Ellenbogen. Ähnlich wie ein Moskitostich, nur sehr viel größer und so, dass mein ganzer Ellenbogen angeschwollen ist. Darauf wurde mir gesagt, die Spinnen hier seien nicht ungefährlich und ich solle sie immer sofort töten, sobald ich eine sehe. Juhu. Dazu kommt, dass das leichter gesagt ist, als getan. Mein letztes Beispiel: Ich stand am Donnerstag in Karachimayu unter der Dusche, schau mich um und entdecke eine Spinne über der Tür. Sie bewegt sich nicht. Aber sie ist so groß wie meine Handfläche. Und ihr Körper ist ungefähr zwei Zentimeter groß oder noch größer. – Das entspannte Duschen war vorbei, ich hab sie nicht mehr aus den Augen gelassen und auf einmal läuft sie auf mich zu. Ich ließ einen Schrei und sprang aus der Dusche. Draußen wickelte ich mich schnell in mein Handtuch (man steht da nämlich direkt draußen vor der Schule) und wartete. Zufällig kam grade Yolanda vorbei und hatte meinen Schrei auch gehört. „Ist kalt die Dusche?“ – „Ehm ja, aber da ist auch eine Spinne.“ – „Dann töte sie doch..?“ – „ Ich kann nicht, die ist riesig!“ – „Haha, Moment, ich bin gleich da.“ Und dann kam sie, stellte sich mit einem Stock in die Dusche und brachte die Spinne um, sodass ich fertig duschen konnte. Sie fand das ganze ziemlich unterhaltsam – ich nicht. Aber gut.


Vielleicht gewöhne ich mich ja noch an diesen tierischen Teil Boliviens – ich glaube eher nicht.

Samstag, 11. Oktober 2014

Von durchgetanzten Nächten und betrunkenen Kindern

La Fiesta de la Virgen del Rosario in El Villar. Eine Fiesta, die eine ganze Woche dauert. Viel Kirche, viel Alkohol, viele Tänze und lange Nächte.

Samstag, der 04.10.2014
Für uns begann der Spaß am Samstag. Wir schauten übenden Tanzgruppen zu und fragten einfach gerade heraus ein paar Frauen, ob wir mittanzen könnten. Sie meinten, das wäre natürlich kein Problem und in den nächsten zwei Stunden lernten wir den Grundschritt von einem Tanz namens Morenada, und einige Figuren. Am Ende mussten wir Bescheid sagen, ob wir denn auch wirklich mittanzen wollten, denn dann müssten sie noch vier Kostüme mehr aus Sucre bestellen. Kurz überlegt und ja gesagt. „Perfecto, mañana a las seis vamos a aprender más.” – Morgen früh sechs Uhr wird geübt. Oh Gott. Aber Quatsch, abends waren wir noch sehr motiviert.

Sonntag, der 05.10.2014
Morgens um 600 Uhr sah das anders aus, aber wir machten uns trotzdem auf und übten. Nachmittags machten Marie und ich den Spielesalon für ein paar Stunden auf, und durften danach feststellen, dass unsere abendliche Übungsstunde spontan abgesagt worden war (Willkommen bolivianische Zuverlässigkeit). Doch natürlich wurde das Montagmorgens um 600 Uhr wieder nachgeholt.

Montag, der 06.10.2014
Unser Mariechen hatte Geburtstag, also wurde sie (und ich auch, da wir uns das Zimmer teilen) mit Kuchen geweckt – um kurz vor 600 Uhr, da wir ja zur Tanzprobe mussten. Leider war montags aber Schule, weshalb sie und Tina arbeiten mussten. Ich besuchte Marie später in der Schule und wurde auch gleich von der anderen Vorschul-Lehrerin entführt um zu arbeiten. Wir gingen dann noch auf die Plaza, wo verschiedene Stände mit traditionellem und gesundem Essen aufgebaut waren. Da Marie so gut wie alle Kinder kennt, konnten wir allerdings nicht ungestört rumschauen, sondern wurden alle drei Meter von irgendwelchen Kindern umgerannt, die „İMári, Mári, Mári!“ schrien (die deutsche Aussprache und Betonung ihres Namens fällt denen hier irgendwie schwer – danke, dass mein Name so schön international ist). Nachdem ich die letzten zwei Tage mit ihr auch im Spiele-Salon war, kannten mich aber auch schon einige, und so hatten wir beide Zwerge an uns hängen. Nachmittags hatten wir wieder Tanzprobe und abends begann endlich die Fiesta.

Marie, Tina, Debby, Felix und ich gingen zur Plaza und Felix wurde direkt von einem aus Roedeito abgefangen, der uns promt alle auf ein bisschen Bier, Canela (heißes Wasser mit Zimt und abends auch gerne mit Singani (Schnaps)) und Leche (heiße Milch mit Singani) einlud. Der nette Herr (namens Keime oder so) kannte mich auch noch von der Kermesse aus Karachi, auf der er glaube ich für Rodeito gekickt hat, und musste mir dann nach knapp 20 Minuten natürlich mal wieder sagen, wie schön ich denn wäre. Ich muss ehrlich sagen, langsam finde ich das manchmal unangenehm, dass man das so oft hört.

Es gesellten sich ein paar Jungs aus El Villar zu uns, mit denen Marie und ich dann neben den anderen unser eigenes Grüppchen bildeten. Wir unterhielten uns dann mit Franz (oh ja, er heißt wirklich so) und Eltan, zwei Jungs aus dem Colegio, die dort in die 6. Klasse gehen (also die Abschlussklasse), und Alex, von dem ich leider nicht weiß, in welche Klasse er geht, 7. oder 8. (nach deutschen Klassen) vielleicht. (Nur kurz dazu, es gibt hier die „Primaria“, von der 1. bis zur 6. Klasse und danach die „Secundaria“, in der es wieder sechs Stufen gibt, man kann also rechnen wie bei uns mit G8.)

Den ganzen Abend gab es Live-Musik und das halbe Dorf und alle anderen, die extra für die Fiesta gekommen waren, tanzten. Das Schöne hier ist, dass es Tänze gibt, die einfach getanzt werden, wie beispielsweise Chacarera, Cueca (oder so), Zapateo und noch viele mehr. Es gibt einen Grundschritt, der schnell gelernt ist und ein paar Figuren, die man macht, wenn man sich traut. Alle Tänze tanzt man als Paar, also hat man auch immer jemanden, der einem sagt was man jetzt machen muss, wenn zum Beispiel eine Drehung oder so etwas kommt.

Nachdem die erste Band, die ein bisschen langweilig war, also fertig war, wurden Marie und ich von Franz und Eltan zum Tanzen aufgefordert. Und da es schon die ganze Zeit unser Plan war, endlich mal zu tanzen, sagten wir gerne Ja. (Das gute an den beiden ist, dass sie ziemlich groß sind, bei Mariechen ist das ja eh kein Problem, aber ich bin ja recht groß, und Eltan ist der erste Bolivianer, der tatsächlich größer ist, als ich – ganze sechs Zentimeter.) Debby (mit Patio, dem Freund einer ehemaligen Freiwilligen), Tina und Felix tanzten auch, sodass wir alle zusammen waren. Und es hat so Spaß gemacht! Wir haben wirklich alles getanzt – und alles was wir noch nicht konnten auch gelernt (bis auf einen Tanz am Ende, als ich wirklich nicht mehr konnte). Wir waren von abends um 1930 Uhr bis um 230 Uhr bei der Plaza und bis auf ein paar Pausen die ganze Zeit am Tanzen. Danach wurden wir von den beiden Jungs noch zum Hostel gebracht – zwei richtige Caballeros.

Dienstag, der 07.10.2014
Tja, und dienstags wurde sich dann um 700 Uhr aus dem Bett gequält – Tanzprobe. Heute mit Kostümen. Dazu muss man sagen, für den Morenada gibt es zwei verschiedene Kostüm-Möglichkeiten, einmal gibt es sehr lange Röcke für ältere Frauen, man sieht dann aus wie eine richtige Cholita aus den Anden; und zum anderen gibt es für die jüngeren Generationen ziemlich kurze Röckchen, die schön schwingen. Wenn wir jemandem erzählten, wir würden Morenada tanzen, wurden die Augen der Bolivianer immer ziemlich groß: „Ohh, hmmm, oooh.“ – Aber nein, wir tanzten mit älteren Frauen: Wir bekamen einen sehr voluminösen Rock, der bis zu den Waden reicht, dazu drei bis vier Unterröcke, für oben eine Decke oder so und dazu einen Bowlerhut.

Und zwar so: Unser Komstüm.

Nachdem wir den Rest des Vormittags mit Plakat für die Entrada malen und Schlaf nachholen verbracht hatten, ging es um 1400 Uhr los mit der Entrada und der ersten Gruppe von Kindergarten-Kindern, die tanzten. Um kurz vor 1500 Uhr mussten wir dann aber leider los um uns umzuziehen, um 1700 Uhr waren wir dran. Unser Auftritt war ein Erfolg, die Leute waren begeistert. Super viele wollten Bilder mit uns weißen Cholitas machen, wir bekamen den lautesten Applaus und wenn wir uns mal vertanzten fand das niemand schlimm. Auch ohne unsere Kostüme wollten den ganzen Rest des Abends Leute noch Bilder mit uns machen und wir hörten ständig: „İBonitas han bailado!“ – Also wir hätten schön getanzt. Meine Profes waren auch ganz begeistert. Das einzige, was ich ein bisschen schade fand war, dass wir so den ganzen Rest vor uns verpasst haben, wo beispielsweise die Leute aus dem Colegio Chacarerca getanzt haben – aber Felix und Kalle sei Dank, sie haben Bilder und Videos gemacht, von uns und zwei anderen Grupen.

Die Entrada - wir tanzen durch die Straßen.

Ja, wir waren ein Foto-Highlight, wurden auch gerne (wie hier) während dem Tanzen rausgezogen für ein Foto.

Marie, Debby und ich.
Tja, und so sieht eine Bolivianerin in diesem Kostüm aus - passt irgendwie besser, finde ich, oder?
Nach dem Tanzen auf der Straße kommt noch ein Teil auf der Plaza.
Unser Hostel-Vater Don Gaston mit seinen vier "weißen Cholitas".
Ja, und hier sieht man nun die Tanzgruppe vor uns - Chacarera.
Die zwei Jungs hier vorne sind übrigens Franz und Eltan.
Und ich finde diese Kleider einfach wunderschön.
Ein anderer Teil der Tanzgruppe, gerade bei einem anderen Tanz - Cueca.

Die Praktikanten der Escuela tanzen auch - irgendeinen traditionellen Tanz aus Tarabuco, glaube ich.

 Diesen Abend tanzten wir nicht viel, da die ganze Nacht Zapateo kam und diese Musik und den dazugehörigen Tanz von uns niemand so wirklich mochte. Wir saßen dann auf der Plaza und quatschten mit den Jungs und ein paar Kindern – und machten eine ziemlich erschreckende Entdeckung.

Auf Fiestas fließt der Alkohol immer in Strömen, allerdings ist trinken erst ab 15 Jahren hier erlaubt. In Karachi wurde sich da, soweit ich es mitbekommen hab, auch dran gehalten, aber hier ist das irgendwie anders.

Nachdem sich ein paar aus den ersten Stufen der Secundaria bei uns versammelt hatten, war ziemlich schnell klar, dass einige von denen gut getrunken hatten. Doch richtig erschreckend wurde das ganze erst, als ein paar kleine Mädchen aus der Escuela (Primaria) kamen. Estefa, ein Mädchen von acht Jahren, war ziemlich sicher auch betrunken. Sie kam irgendwann zu uns, und versuchte erst mal, mich rücklings von der Mauer, auf der wir saßen, zu ziehen. Dann setzte sie sich neben mich und fing sie an Eltan grundlos zu schlagen und auch die anderen Jungs blieben nicht verschont. Mich kitzelte sie lediglich und erzählte mir seltsame Geschichten.

Ein Beispiel: „Eltan es un angel. Y ha caido del cielo, pero ahora esta muerto, porque un ha matado a el con un cuchillo. İAsi! “ – Also Eltan sei ein Engel, der vom Himmel gefallen ist, der aber jetzt tot ist, da er als er auf der Erde angekommen ist, mit einem Messer getötet wurde. Aha. Als sie „İAsi!“ rief zeigte sie uns, dass er anscheinend die Kehle durchgeschnitten bekommen habe. Außerdem hätte er seeeeeehr große Flügel gehabt. Ach und kurz darauf war er Pinocchio und die anderen Jungen auch. Einmal sprang sie auch auf meinen Schoß und begann auf einmal mich zu würgen, aus welchem Grund auch immer.

Wir fragten sie, ob sie was getrunken hätte und sie erzählte uns, sie hätte ein Becher Chicha und morgens ein bisschen Bier getrunken – mit acht Jahren. Na dann.

Schlafen gehen wollte sie partout nicht, also entschieden wir uns dafür einfach zu gehen und sie zu ihrer Mutter zu schicken. – Was dann glücklicher Weise auch funktionierte.

Mittwoch, der 08.10.2014
Am nächsten Morgen konnten wir endlich mal ausschlafen, man, war das ein Genuss! Gut, okay, wie immer ist bei mir ausschlafen relativ, ich war um 815 Uhr wach, aber das war trotzdem besser als 600 Uhr. Während des Vormittags wurde ein bisschen entspannt, geduscht, ausgeruht und nach dem Mittagessen ging die Fiesta weiter. Heute wurde das Ganze von den Lehrern organisiert. Ob das daran lag, dass angeblich „Tag des Lehrers“ war, weiß ich nicht, aber es war ganz cool. Es gab für alle kostenlos Picante (Reis, Kartoffeln, eigentlich noch Fleisch, für uns Vegetarier zum Glück nicht, und eine riiiiichtig scharfe Soße) zum Mittagessen, dazu für alle Chicha („Hace frío o hace calor, la chicha villareja es lo mejor.“). Gefeiert wurde in dem Haus eines Lehrers (ja, das ganze Dorf in einem Haus und Garten). Nachmittags standen Stierkämpfe an, die auch von den Lehrern organisiert wurden. Davor gab es ein paar Paraden hin und her durch das Dorf mit ziemlich schräger Musik von ein paar Schülern.

Bei den Stierkämpfen lief es eigentlich nur so ab, dass ein Stier gefangen wurde, ein bisschen von ein paar Betrunkenen geärgert wurde, die dann, wenn er sauer war schreiend vor ihm wegrannten und über den Zaun sprangen. Zeitweise war es ziemlich langweilig, nur wenn die Männer von Angst getrieben wegrannten konnte es durchaus ziemlich witzig werden. Dazu muss ich kurz sagen, dass es wirklich vollkommen anders war, als man von Stierkämpfen hört, den Stieren wurde nicht wehgetan oder so, sie wurden echt nur geärgert, sonst hätten wir (vier Vegetarier) uns das auch nicht angeschaut. Außerdem schauten wir eh nicht viel, sondern liefen meistens (in der Hoffnung, so den Chicha-Einladungen entgehen zu können) herum, oder standen bei Leuten, die wir kannten und unterhielten uns.

Was mir an diesem Mittwoch am besten gefallen hat war, dass so viele Leute da waren, es aber trotzdem noch ziemlich privat und familiär war, weil man fast alle kannte. Montags waren viele Leute einfach nur angereist, wegen den Auftritten und Tänzen und jetzt am Mittwoch waren eigentlich nur noch diejenigen da, die Familie in El Villar hatten. Dazu kamen sämtliche Lehrer aus dem Campo („von Land“, also aus Karachi, Muska, Rodeito, La Revuelta, El Dorado) und ein paar Kinder. Dadurch, dass ich auf dem Campo schon auf zwei Fiestas war und die einzige Freiwillige da bin (und Felix sich auf den Fiestas auch nicht oft hat blicken lassen), kennen mich eigentlich alle Lehrer und auch ziemlich viele andere. Man läuft also rum und ständig geht es: „İHola Antonia, hola Antoni! ?Cómo estas?“ Und das find ich eigentlich ganz cool, so viele Leute zu kennen.

Bevor sie sich trauen, den Stier so zu ärgern wird er erst mal angebunden. Der mit grüner Hose und roter Jacke ist Alex, der in blau mit Hut ist mein Profe Primo.
Ja, auch mal ein Bild von mir. Franz hat es gemacht, ist eher spontan entstanden, das um meine Schultern ist ein Tuch, dass die Leute bekommen, die mit den Stieren kämpfen - ich hab es allerdings geschenkt bekommen.

Profe Primo im "Ring" beim Mut antrinken - naja, einfach beim Saufen, den Becher hat er recht schnell verloren.
Nach den Stierkämpfen ging es abends wieder mit Musik und Tanz weiter, auch im Garten des Profes. Das war auch sehr schön gemütlich. Allerdings hatten wir im Gegensatz zu Montag ein kleines Männerproblem, da Franz irgendwie nicht tanzen wollte, Felix weg war, Patio (mit dem Debby ja am Montag getanzt hatte) auch nicht da war, also irgendwie für vier Mädchen nur Eltan da war. Mehr schlecht als recht konnten wir dann doch alle tanzen, weil Tina von einem Betrunkenen aufgefordert wurde, Debby mit einem ihrer Profes tanzte (auch betrunken), Marie mit einem ihrer Verehrer (Leonides) und ich dann mit Eltan. Es hat dann doch ziemlich Spaß gemacht – und war sau anstrengend. Aber nach der Pause hatte wieder niemand so wirklich einen Partner, weil die Mädels ganz froh waren, ihre Betrunkenen losgeworden zu sein. Franz kam dann doch dazu und wir tanzten ein bisschen in der Gruppe, was sich auch als ganz witzig rausstellte, alle im Kreis, jeder der beiden Jungs mit zwei Mädchen an der Hand.

Später gingen wir dann eine Cola trinken und liefen etwas durch El Villar, weil die Musik auf der Party uns nicht mehr so gut gefiel und wir außerdem ein Refrésco ohne Alkohol wollten. Gegen 100 Uhr waren wir dann aber auch wieder in unseren Bettchen.

Donnerstag, der 09.10.2014
Donnerstagmorgens war das Dorf leer. Zum einen war Schule und zum anderen mussten wahrscheinlich noch viele ihren Rausch ausschlafen. Außerdem reisten jetzt viele der noch Übriggebliebenen ab.

Nachmittags gab es wieder Stierkämpfe, die wir aber ziemlich langweilig fanden. Wir liefen ein bisschen durch das Dorf, was auch nicht spannender war, und landeten wieder bei den Stierkämpfen. Nach dem Abendessen war Fútsal und Musik und Tanz auf der Plaza, wo wir hingingen. Beim Fútsal zuzuschauen machte Spaß, vor allem, als die spielten, die wir kannten (Nelson, der argentinische Freiwillige hier in El Villar und Eltan spielten zusammen in ihrer Mannschaft – verloren aber leider).

Danach begaben wir uns auf die Plaza, die allerdings ziemlich leer war. Am Anfang gefiel uns auch die Musik nicht wirklich, erst als am Ende wieder nur noch Marie, Eltan und ich übrig waren kam für uns tanzbare Musik. Marie tanzte wieder mit einem ihrer Verehrer (diesmal Gualbero) und wir hatten ziemlich viel Spaß.

Freitag, der 10.10.2014
Freitagmorgens durfte ich feststellen, dass die Besucher aus Karachimayu gemeinsam mit Profe Anibal schon um 1000 Uhr abreisten – ohne mich und ohne mir etwas zu sagen, und ich nun wohl hoffen musste, dass Profe Primo wieder erst wann anders fährt. Mittags gab es erneut Stierkämpfe und abends wieder Musik und Tanz, allerdings privat bei einer Familie, wo wir uns entschlossen nicht hinzugehen. Stattdessen verbrachten wir den Abend wieder mit Franz und Eltan und diesmal noch einem weiteren, namens Alvero, und liefen durch das Dorf.

Einer der Bullen, die schon im "Ring" waren.
Nun ja, und jetzt ist die Fiesta vorbei, ich muss packen und morgen geht es mit Primo und den anderen, die wirklich noch da sind, wieder zurück nach Karachimayu.

Sonntag, 5. Oktober 2014

No Hay Paso – auf dem Weg nach El Villar

Nachdem es mehrere Tage einiges an Durcheinander gab über die Frage, wie wir nach El Villar kommen würden („Wir fahren Freitag.“ „Ach ne, doch Samstag um 700 Uhr früh.“ „Ne, Moment mal, vielleicht auch nachmittags, wenn wir den direkten Weg nehmen können.“ „Ach, wir fahren Sonntag.“), hatten wir am Freitag das Ergebnis. Profe Primo und Profe Fortu würden Freitagnachmittag schon vorfahren, den direkten Weg, an dem derzeit gearbeitet wird nehmen und dann anrufen, ob der Weg nutzbar ist für Profe Anibal, der Sonntags fahren will.

Da ich mich schon die ganze Woche gefreut hatte, freitags in El Villar zu sein, klinkte ich mich bei Primo und seiner Familie ein, die auch unseren Direktor Profe José und einen Profe aus Rodeito mitnahmen. Nachdem ich mit meinem Rucksack in Rucksackschutz ankam (der auch sehr schwer war), waren meine Lehrer ziemlich geschockt und meinten, so könne ich nicht reisen, wir müssten ein Stückchen laufen. Klein Toni hat die Vorstellung von einem Fluss, den sie zu Fuß durchqueren müssen oder Ähnlichem. Also wird ein bisschen was ausgepackt, die Hülle weggelassen, der Rucksack aufgesetzt und demonstriert, dass ich so laufen kann.

Dann geht die Reise los. Wir nehmen noch ein paar Schüler mit, die in der Nachbar-Comunidiad leben (Muska) und hinten auf dem Pick-Up (wird hier auch Camioneta genannt) wird es ziemlich eng. Nach einer Stunde halten wir und das Auto wird ausgeladen. „Antonia, setz dich, wir ruhen kurz aus und stellen das Auto ab, ab hier laufen wir.“ – Okay, ja gut. Bevor sie das Auto abstellen, werkeln sie allerdings noch ein wenig daran rum, da irgendetwas an der Kupplung kaputt zu sein scheint. Als ich mich jedoch nicht hinsetze und ausruhe, fängt Romario, der Sohn von Primo und Carmen an: „Profe, setz dich, wir müssen nachher ganz lange laufen, echt.“ – „Ah ja, wie lange denn?“ – „Naja, schon so bis 1800 Uhr.“ – Blick auf die Uhr: „Oh, wir laufen eineinhalb Stunden?“ – „Jap, ungefähr.“ – Oh, äh, das wusste ich nicht.

Als wir losgingen trafen dann auch Fortu, Nati und ihr Sohn Evik zu uns, das Gepäck wurde aufgeteilt und los ging es. Wir liefen tatsächlich eineinhalb Stunden, allerdings gingen wir erst später los, weshalb wir nicht um 1800 Uhr ankamen. Wobei ankamen auch relativ ist.

Der Weg war atemberaubend. Ich finde ja sowieso schon, dass es bei uns in Karachimayu und Umgebung ein bisschen nach Urwald aussieht, aber auf der Reise, war der Ausblick noch – hm – grüner. Teilweise sah es so aus, wie ich mir Irland vorstelle: Grün und hügelig. Und dann kam wieder eine Stelle mit so viel Wald, dass ich damit rechnete, King Kong käme hinter dem nächsten Berg hervor, und teilweise sah es aus wie Zuhause. Und dann, dann kam die Garnitzen-Klamm (oder so, Mama und Papa, ihr wisst was ich meine) nur nicht in hellblau-rosa, sondern hellgrün-beige. Also, nur für alle, die diesen wunderschönen Fleck Erde nicht kennen, die Garnitzen-Klamm ist eine wunderschöne Schlucht in Kärnten, riesige Felsen und ein Bach, der mitten durchfließt. Und unser Fluss, der durch Karachi fließt, hat uns auf dem ganzen Weg begleitet, und irgendwann waren wir eben in einer Schlucht. Es war wunderschön.

Auf unserem Weg gab es nur zwei Stellen, wegen denen wir laufen mussten, zwei Stellen, an denen die Straße noch nicht fertig war. Und die hatten es in sich. Die erste war recht harmlos, da mussten wir einfach nur ein bisschen klettern und im Sand rutschen, dann waren wir unten, aber bei der zweiten Stelle hatte ich schon ein klein wenig dolle Angst. Wir liefen direkt an der Schlucht entlang und mussten durch Sandhaufen. Und mit direkt meine ich auch direkt, zwischen Sandhaufen und Schlucht war kein Platz, das ging ineinander über. Die Männer liefen vor und traten Schritte für uns, nur leider waren meine Füße größer und es war ein bisschen als würde ich als erste laufen. Es war gut rutschig und ich hielt fast die ganze Zeit meine Luft an, den Blick starr nach vorne gerichtet, nur nicht den Steinen hinterherschauen, die gerade hundert Meter in die Tiefe stürzen. Erschwert wurde für mich das ganze Unterfangen noch, da ich eine Henne in einem Beutel mit mir trug und die natürlich auch nicht fallen lassen wollte, mich aber so auch nur mit einer Hand festhalten konnte.

Nach unseren eineinhalb Stunden laufen sind wir, naja, angekommen an einer Stelle, wo wieder Autos fahren konnten. Dort warteten wir wieder, alle deutlich erledigt von der letzten, echt gefährlichen Etappe. Ein Verwandter von Primo holte uns schließlich ab. Auch wieder mit einem Pick-up, nur, dass dieses Mal noch mehr Leute reinmussten. Also saßen wir die letzte Stunde zu acht hinten drauf, und ungefähr acht vorne drin.


Und gegen 1930 Uhr waren wir in El Villar. Endlich.

Beschilderung am Anfang des Weges, danach ging es noch eine halbe Stunde weiter und dann ging nichts mehr mit Camioneta.

Mein Rucksack im Einsatz.

Meine Henne in Tüte.

Rückblick auf ein Teil des Weges in der Schlucht.

Der Fluss - die Garnitzen-Klamm in grün-beige.

Sonntag, 28. September 2014

Geburtstagsfeierei - und man gewöhnt sich an die Reisen

Das zweite Wochenende in Sucre, seit der Ernst des Lebens hier begonnen hat. Volkan und Mara, zwei Freiwillige, die in Alcala stationiert sind, einem Ort in der Nähe von El Villar, haben Geburtstag. Wegen diesem Anlass haben wir Freiwilligen also beschlossen uns wieder alle in Sucre zu treffen und ein bisschen zu feiern – oder auch ein bisschen mehr, Mara wird 18 Jahre alt.

Die Hinreise ist wieder wie letztes Mal, nur dieses Mal nicht so kalt. Zum Glück. Wir fahren Freitag nach der Schule, so gegen 1500 Uhr los, wir gabeln ein paar Leute auf, die von Karachi nach Monteagudo wollen, die wir später irgendwo abladen. Eine schwangere Frau kommt mit zwei Hundewelpen und bittet mich doch auf sie aufzupassen, sie sitzt vorne in der Kabine mit Yolanda und Anibal. Die ersten zwei Stunden gestalten sich also echt unterhaltsam. Die zwei sind super goldig, am Ende ist ihre Besitzerin total begeistert, dass wir uns so gut verstehen. Als sie aussteigen bin ich allein und bleibe das auch für den Rest der Reise. Diesmal ist mein Plan in Padilla in die Flota zu steigen und mitten in der Nacht in Sucre anzukommen, damit ich ein bisschen mehr Zeit habe. In Padilla angekommen müssen wir aber leider feststellen, dass keine Karten mehr nach Sucre verkauft werden, wir schließen, dass wir zu spät sind. Also weiter bis Serrano. Von dort fährt in der Nacht um 400 Uhr auch eine Flota, die will ich nehmen. Als wir um 100 Uhr in Serrano ankommen stelle ich mir eifrig einen Wecker auf kurz nach 300 Uhr – und verschlafe ihn. Ich nehme dann die Flota morgens um 700 Uhr und bin um 1130 Uhr in Sucre.

Meine zwei kleinen, flauschigen Gefährten - zuckersüß!
In Sucre angekommen hab ich Hunger bis unter die Arme und werde schon von meinem Mädchen, Debby, Tina und Marie erwartet. Wir gehen in ein vegetarisches Restaurant in der Nähe der Plaza und schlagen uns die Bäuche voll. Danach wird eingekauft. Tina, Debby und ich haben einiges auf unseren Einkaufszetteln, allerdings entscheiden sich Tina und Marie ziemlich früh, schon zurück zum Hostel zu gehen. Debby und ich verbringen unsere Zeit suchend auf dem Mercado Campesino, haben am Ende, als wir gegen 1800 Uhr wieder im Hostel ankommen aber zum Glück auch fast alles. Da mir gesagt wird, dass wir im Hostel nicht essen dürfen, weil wir ansonsten bezahlen müssen, gehen wir auf der Straße einen Hamburgesa essen – super lecker.

Der Abend beginnt mit einer heißen Dusche. Es ist wundervoll. Dann wird sich ein bisschen aufgehübscht und viel Cola getrunken. Die brauche ich, um nicht wieder um 2130 Uhr todmüde ins Bett zu fallen – ich bin zum einen meine Karachi-Zeiten (Schlafen von 2000 Uhr/2100 Uhr bis 600 Uhr/630 Uhr) gewöhnt und zum anderen ein bisschen erschöpft von der Reise und dem ganzen Tag über Märkte Laufen. Gegen 2200 Uhr machen wir uns auf in die Bodega, unsere „Stammkneipe“ in Sucre (anscheinend wie von allen Freiwilligen). Es ist super schön mit allen mal wieder zusammen zu sein, so wie am Anfang. Um 000 Uhr gibt es Kuchen für alle und Happy-Birthday auf Deutsch, Spanisch und Englisch. Nachdem wir dann eine Liste von Liederwünschen abgeben und mit Helene Fischer atemlos gestartet wird, ergreifen aber leider schon einige der Freiwillige die Flucht und wollen in ihr Bettchen. Deshalb sind wir dann, als wir uns ein bisschen später aufmachen um zu tanzen, nicht mehr ganz so viele. Wir gehen ins Mitos, das entgegen meiner Erwartungen endlich mal voll ist, und verbringen den Rest der Nach tanzend, singend und schwitzend. – Abgesehen von den ganzen bolivianischen Männern, die immer mit einem tanzen wollen, ist das wie in Deutschland. Einfach tanzen und singen so laut, so lang und vor allem wie man will.

Gegen 330 Uhr verlassen wir als letzte von uns Freiwilligen den Club und machen uns auf den Rückweg, mir sagen jetzt schon alle Tschüss, weil niemand so früh aufstehen will, um mich Sonntagmorgens zu verabschieden. Um 400 Uhr falle ich ins Bett – und stelle meinen Wecker auf 645 Uhr.

Felix und ich reisen wieder zusammen, diesmal habe ich mit Anibal ausgehandelt, dass wir die Flota sonntagmorgens nehmen und er uns um 1700 Uhr dann in El Villar mitnimmt. So haben wir mehr Zeit in Sucre und weniger Aufenthalt und Nichts-Tun in El Villar.

Gegen 700 Uhr bin ich also fertig und mache mit auf, Felix und meine Flota-Karten zu kaufen. Der Stand hat noch zu, macht anscheinend gegen 800 Uhr auf. Gut, dann geh ich noch Geld holen. Tja. Im Bankautomat in der Nähe vom Hostel schläft ein Penner. Ich laufe bis zum Campesino, wo es auch Bankautomaten gibt, und kaufe auf dem Rückweg noch Brot und Tomaten – ich will ja nicht bezahlen müssen, also kauf ich mir mein Frühstück eben selbst. Eine Stunde später mache ich mich dann erneut auf den Weg und ergattere noch zwei Karten: die zweite Reihe von vorne, rechts.

Gepackt, verabschiedet und los geht’s. Die zweite Reihe von vorne ist kein guter Platz. Also ich meine, ich hatte keine Probleme, aber Felix hatte ein bisschen viel Sport, weil er ständig die Beine einziehen und wieder ausstrecken musste. Eine von Felix‘ Kolleginnen, Profe Samosa, fuhr auch mit der Flota und ich fragte sie später, ob sie auch wieder mit Anibal mitfahren würde, sie bejate. Als ich ihr dann sagte, dass wir in El Villar dann um 1700 Uhr weitermüssen, rief sie Anibal an und drehte sich mit der Botschaft um, wir würden erst montags um 1700 Uhr fahren, und am Montag sei auch keine Schule. – Also wieder umsonst gestresst, wir hätten ganz entspannt mit den anderen am Nachmittag fahren können und mit Mara noch ihren Geburtstag verbringen können.

Nun ja. Jetzt bin ich in El Villar. Ist eigentlich auch nicht schlecht. Hier gibt es Strom, ich kann endlich mal alle Akkus laden, und morgen kann ich das Internet-Café nutzen – dafür war nämlich bei meinem Sucre-Marathon keine Zeit.

Nächste Woche sind wir übrigens wieder hier, das teilte mir Anibal am Freitag beim Abendessen mit. „Wir verreisen nächstes Wochenende schon wieder.“ – „Nach El Villar, zu der Fiesta?“ – „Ja genau, wir fahren freitags dann nach El Villar.“ – „Oh, freitags schon, und bleiben dann bis Mittwoch (da ist die Fiesta)?“ – „Nein, nein, bis Donnerstag.“ – Sprachlose Antonia. „Oh, äh, wow, das ist super!“

Ihr müsst nämlich wissen: mein Mariechen wird am 06. Oktober auch 18 Jahre alt. Und das ist genau der Dienstag vor der Fiesta. Ooooh, wie ich mich freue!

Aus der Flota - so sehen die meisten "Straßen" bei uns aus.

Aus der Flota - aber manche werde, wie diese hier, auch asphaltiert, viele gibt es davon noch nicht.


Mittwoch, 24. September 2014

Camioneta-Fahrten

Ja, also hier im Campo („auf dem Land“, wie Karachimayu) reist man anders. Das durfte ich ja schon bei meiner Hinreise nach Karachimayu kennenlernen. Mittlerweile habe ich noch etwas mehr Erfahrung.

Camioneta heißt kleines (der, die, das?) Camión, also ein kleiner Laster. Das kann für einen Kleintransporter, aber auch für einen Pick-Up stehen. Camioneta, Motorrad und Pferd sind hier die üblichen Reisemittel, wenn die Füße nicht mehr ausreichen.

Profe Anibal besitzt eine Camioneta und Profe Primo und Profe Fortunante Pick-Ups. Die Lehrer in Rodeito sind meistens mit dem Motorrad unterwegs, das hat bei uns aber niemand.

Ich reise immer mit Anibal und Yola, also mit der Camioneta. Das kann, je nach Anlass, unterschiedlich sein.

Bei Großveranstaltungen in der Nähe, wo mehrere Leute mit wollen, wie zum Beispiel als im benachbarten La Revuelta eine Fiesta war, wird die Camioneta so ein bisschen zum Bus.

Doña Leonarda, ihr Sohn Raúl und ich können uns die besten Plätze sichern, weil wir schon als erste dabei sind. Dann geht die Fahrt los. Es gibt nur eine Straße und an der stehen in einigen Abständen immer mal wieder Leute. Alle steigen auf. Sitzen kann niemand. Je nachdem, wie viele Leute mitwollen ist es voll oder sehr voll. Man steht aneinander gequetscht und versucht sich noch irgendwo festzuhalten. Die Fahrt ist nicht weniger holprig nur weil die Camioneta voll mit Menschen ist. Es wird sich unterhalten, so gut es geht (die Camioneta ist auch ganz schön laut) und am Ende zahlen die Leute, die mitgefahren sind Anibal ein bisschen was.

Mein Highlight – naja – war, als sonntags nach der Fiesta in La Revuelta (die Camioneta wieder voll mit Menschen) der Weg schlammig war, weil es geregnet hatte. Wir brauchten gut eine halbe Stunde, wenn nicht mehr, länger, weil wir immer mal wieder stecken blieben, zurückfahren mussten und versuchen mussten den Schlamm-Pfützen-Löchern auszuweichen. Nachträglich finde ich es eigentlich echt ziemlich lustig, in dem Moment fand ich die Situation allerdings eine Mischung aus beängstigend und total nervig. Es war ungefähr 2300 Uhr, kalt und alles war nass vom Regen, einschließlich mir, weshalb mir noch kälter war. Dazu kam dann noch, dass eine Frau meinte, ein Ferkel mitnehmen zu müssen, dass sich vor lauter Angst (es steckte in einer Tüte, aber den Geräuschen nach zu urteilen hatte es Angst) ein paar Mal meinte, sich erleichtern zu müssen – zu Regen, Nässe und Müdigkeit kam dann also auch noch ein sehr unangenehmer Geruch und die Aufgabe, nicht in Fäkalien zu treten. Aber so kann das hier nun einmal sein, und dann muss man da eben durch. Es gibt auch schlimmeres.

Die andere Verwendungsmöglichkeit der Camioneta ist schlicht als Laster. Nur eben auch mit Menschen als Last. Bei längeren Reisen, aber dann auch nur wenige Menschen.

Alles was transportiert werden muss (außer den Menschen) kommt in Säcke und wird aufgeladen. Reis, Nudeln, Kartoffeln, Aji und auch Hühner. Für die Passagiere wird ein Holzbrett eingelegt, auf das man sich setzen kann. Ich bevorzuge allerdings, mich auf eine Plane auf dem Boden oder auf die verschiedenen Säcke zu setzen. Schlafen geht auch, dann legt man sich eben irgendwie auf den Boden oder auf die Säcke – Kartoffeln als Kissen sind ein bisschen unangenehm, muss ich sagen.

So zu reisen ist mehr oder weniger angenehm. Es ist stark wetterabhängig. Meine erste Reise auf diese Weise war der reinste Horror. Es war das Wochenende der Entrada in Sucre.

Es hatte morgens und in der Nacht geregnet und war den ganzen Tag bewölkt. Für Bolivien heißt das: Es war fast so kalt, wie im deutschen Winter. Ich trug Leggins, Top, Shirt, Pulli, meine Winterjacke (Fleece-Regenjacken-Kombination), und einen Schal. Als ich mich aber so auf meinen Platz auf der Camioneta begab starrten mich alle Anwesenden entgeistert an. Ich wurde gefragt, ob ich nicht mehr zum Anziehen hätte, eine Mütze, was für die Hände, ob ich keine Decke hätte. Ich war leicht verwirrt. Yola brachte mir eine Filzdecke und ich nickte hochmotiviert, mir gehe es schon gut, das passt schon. Als wir dann losfuhren schauten mir Doña Leonarda und Doña Flora mit zweifelnden Blicken nach. Ich saß auf dem Holzbrett, wickelte meine Beine in die Decke und war sofort froh um sie – der Fahrtwind war eisig. In Rodeito stieg Profe Benito zu und Profe Mary meinte zu mir, ich solle mich ganz nah an die Kabine setzen, da wäre es wärmer. Wir legten also die Plane auf einen Sack und ich nahm in der Ecke zwischen Kabine und Camioneta-Wand Platz. Auch für diesen Tip war ich nach einer Weile sehr dankbar. Benito saß auf dem Brett und fror. Es wurde immer kälter. Irgendwann wickelte ich nicht mehr nur meine Beine ein, sondern mich komplett und bewegte mich nicht mehr. So ging es – bis mir irgendwann die Beine einschliefen und wehtaten. Als es dunkel wurde fand die Kälte noch einmal eine Steigerung, und als wir dann noch in die Berge fuhren, war es kaum noch auszuhalten. Ich gab meinen Platz auf und setzte mich neben dem Sack auf den Boden. Quetschte mich an den Motor, der die einzige winzige Wärmequelle war. Benito setzte sich neben mich, sodass wir uns auch noch gegenseitig gegen den Fahrtwind schützen. Irgendwann schlief ich einfach ein, was auch ganz okay war. Ich wachte einmal kurz für eine der atemberaubendsten Aussichten auf, die ich je gesehen hatte: Wir fuhren auf einer Bergkette über den Wolken, über uns der fast schwarze Himmel mit seinen abermillionen Sternen, die man hier alle sehen kann. Um uns sah man nichts außer Wolken und Nebel. Der Nachteil: Wolken sind feucht und kalt. Ich schlief schnell weiter. In Padilla verließ uns Benito, wir fuhren noch weiter bis Serrano. Sobald Benito weg war legte ich mich hin, rollte mich so klein ich konnte, nah an den Motor, fest in die Decke. Es war trotzdem kalt, aber ich schlief den Rest bis Serrano und begab mich dort zitternd und bibbernd in ein Bett, das mir Yola zeigte. Ich zog nichts aus außer den Schuhen und der Jacke und schlief im Schlafsack unter zwei Filzdecken.


Die ganze Fahrt von Karachimayu nach Serrano dauerte übrigens circa neun Stunden. Und von Serrano musste ich morgens noch weiter bis nach Sucre. Das aber in einer Flota, ohne eisigen Wind und nur ungefähr vier Stunden – es fühlte sich irgendwie ziemlich luxeriös an. Aber Rückenschmerzen hatte ich trotzdem zwei Tage.

So bin ich zum ersten Mal nach Serrano gereist. Ich sitze unter der gelb-braunen Decke, im schwarzen und durchsichtigen Beutel sind Ajo, sehr sehr scharfe Paprika; rot ist das Gepäck von Anibal und Yola und in dem weißen Beutel dahinter war ein Huhn dabei.

Samstag, 13. September 2014

Karachimayu – mein neues Zuhause

Ich bin wirklich verliebt in dieses Mini-Dörfchen.

Kein Strom, kein Licht, kein warmes Wasser, kein Internet. 

Handyempfang an zwei ungefähr ein Quadratmeter großen Stellen auf einem Berg neben dem Internat – wenn gutes Wetter ist und man sowieso einfach Glück hat. Es ist super. 

Gut okay, vielleicht ein bisschen gewöhnungsbedürftig am Anfang. Aber eigentlich ist der Gedanke daran viel schlimmer, als es tatsächlich ist. Man braucht kein Handy, kein Internet und auch kein Licht. Ich habe eine Kerze und letztes Wochenende hab ich mir auch eine Taschenlampe gekauft. Warmes Wasser wird überbewertet. Sauber wird man auch mit kaltem Wasser und morgens oder abends duschen macht man dann einfach nicht. Man duscht dann einfach tagsüber, wenn es sowieso so warm ist, dass man gerne eine Abkühlung hätte, oder wenn es kalt ist, duscht man eben einfach einen Tag mal nicht, oder auch zwei.

Ich lebe in einem kleinen Zimmerchen, in dem ich ein Bett habe mit Moskitonetz, einen Schreibtisch und einen kleinen Schrank, in dem ich Badsachen und Wertsachen aufbewahre, für Klamotten ist er zu klein. Außerdem steht in einer Ecke ein riesiger Umzugskarton mit Bällen drin – Sportsachen der Lehrer. Ich habe ein Fenster, das ist wichtig zu erwähnen, im Gegensatz zu mir haben Debby und Felix in ihren Unterkünften kein Fenster. Neben meinem Zimmer befindet sich die Glocke, mit der immer zur nächsten Stunde geläutet wird, gegenüber sind Klassenzimmer, in der Nähe das Rektorat, das gleichzeitig auch das Lehrerzimmer ist.

Die Leute sind alle super. Es sind drei Lehrer-Ehepaare, ein siebter Lehrer, dessen Frau keine Lehrerin ist und ich. Außerdem noch eine Frau, die Hausmeisteraufgaben erledigt. Die Lehrerehepaare und Doña Leonarda leben, wie ich, auf dem Schulgelände, Profe Mario keine drei Minuten entfernt. Außerdem leben unter der Woche noch 20 Kinder und ihre Tutorin Doña Flora im Internat auf dem Schulgelände. Mit ihnen esse ich auch, wenn sie dann da sind, immer im Internat. Am Wochenende und Montag morgens werde ich von den Profes Yolanda und Anibal mit Essen versorgt.

Begrüßt wurde ich an meinem ersten morgen super herzlich. Ich verstand mal wieder nicht mal die Hälfte, aber genug um zu wissen, dass sich alle freuen, dass ich da bin. Mir wurde gesagt, dass ich jetzt Teil der Karachi-Familie bin, dass ich sie alle als meine Onkels und Tanten oder so etwas sehen kann, und vor allem, dass ich immer zu ihnen kommen kann. Mir wurde versichert, dass sie immer für mich da sind, und ich nicht allein bin. Als ich den Kindern vorgestellt wurde, wurde ihnen etwas Ähnliches eingebläut: Ich bin weit weg von Zuhause und von meiner Familie, viele von den Kindern kennen das, da sie ja als Internatskinder ihre Familien auch nur am Wochenende sehen, und sie sollen deshalb auch Rücksicht auf mich nehmen. Auch wenn meine Familie weit weg wäre, wäre es die Aufgabe der Kinder, mir zu zeigen, dass ich jetzt Teil der Familie in Karachimayu bin. Diese Ansage war super, vor allem, da ich an meinem ersten Morgen ziemliches Heimweh hatte. Ich hatte in der Nacht von meiner Familie und meinen Freunden geträumt (ich hab euch lieb) und war dann verwirrt, als ich morgens aufwachte und allein war und die einzige Sprache, die ich hörte das für mich nicht so gut verständliche Spanisch war. Umso besser fühlte ich mich also, als mir gesagt wurde, dass viele es nachvollziehen können, wenn es mir nicht gut gehe und sie immer für mich da wären.

Die ersten Tage waren aufgrund meiner sprachlichen Problemen echt ein bisschen anstrengend. Aber das hat sich erstaunlich schnell gebessert. Ich hab mir angewöhnt, immer mit einem kleinen Block und Stift rumzulaufen, und alle Sachen aufzuschreiben, die ich entweder nicht verstehe, oder die ich gerne sagen würde, aber leider nicht weiß. So entsteht zwar eine lange Liste, aber die Vokabeln sind zum Teil super schnell gelernt, da ich sie echt oft brauche. Außerdem haben sich mittlerweile viele Kinder angewöhnt, mir Sachen zu zeigen, die ich noch nicht kenne und mir den Namen zu sagen. Sie sind sehr geduldig mit mir. Und wir arbeiten zusammen. Ich frage sie, was etwas auf Spanisch heißt, und sie fragen mich nach englischen Vokabeln.

Ohje, es gibt so viel zu erzählen.

Der Unterricht zieht sich. Ich bin ein bisschen überfordert, weiß nicht, was ich mit den Kindern machen soll, sie können sich nicht wirklich viel merken und haben deshalb auch viel von den vergangenen Jahren schon vergessen.  Trotzdem sind die Kinder ziemlich lieb, und wenn sie dann doch noch Sachen von den vergangenen Jahren wissen sind sie ziemlich stolz, wenn sie mich zum Beispiel mit „Hello teacher“ begrüßen können.

Doch zum Schulalltag später mehr.

Die Schulglocke, mit der jede Stunde geläutet wird, direkt vor meinem Zimmer.

Das Direktorat/Lehrerzimmer. Wenn nicht gerade die Kinder draußen rumrennen, spazieren auf dem ganzen Schulgelände die Tiere der Bewohner herum: Schweine, Hunde, Hühner.

Ohne mein Moskitonetz geht gar nichts in Karachimayu.

Der Blick auf den Schulhof vom Direktorat aus, geradeaus ist das Zimmer von Anibal und Yola, in dem grauen Teil links lebe ich.



Dienstag, 2. September 2014

Eine spannende Reise – das Verkehrsmittel Camión

Montags um 8:00 Uhr  sollte es losgehen. Felix und ich kommen endlich zu unseren Aussendörfern. 

Nach einem kurzen Frühstück und den Verabschiedungen packten Felix und ich also endlich unsere Rucksäcke und gingen mit Don Gaston zu dem Ort, wo wir abgeholt werden sollten. Don Gaston hatte uns davor schon zugequatscht, aber keiner von uns hat wirklich etwas verstanden. 

Und dann standen wir vor einem Lagerhaus für Lebensmittel vor einem LKW, groß, gelb und gerade dabei beladen zu werden. „So, wir sind da.“ Felix wird direkt eingebunden ins Beladen und ich stehe nur leicht verdattert daneben. Per LKW reisen?  – ich hatte schon gehört, dass das einem hier passieren kann. Nur hatte ich irgendwie noch nicht damit gerechnet. Nun ja, Don Gaston erzählte mir noch einiges und gab mir Anweisungen. Ich verstand vielleicht ein Drittel von dem, was er sagte. Das was ich verstand war, dass unsere Mitfahrgelegenheit nicht bis nach Karachimayu fährt, sondern nur bis in ein benachbartes Dorf namens La Revuelta, in dem ich auszusteigen hätte und auf ihn warten solle. Dann war er weg und ich stand wieder da und wartete.

Unsere Mitfahrgelegenheit
So gegen 9:00 Uhr war der LKW fertig beladen und wir konnten einsteigen. Allerdings ging die Reise noch nicht los. Wir fuhren noch ungefähr eine Stunde quer durch El Villar, damit sich der Fahrer mit ausreichend Koka eindecken konnte, dann wurden noch zwei Beifahrer eingeladen , die sich ebenfalls mit Koka eindecken mussten. Zusätzlich wurde noch Zement oder ähnliches eingeladen. Alles wurde so beladen, dass hinten jemand aufsitzen konnte.Felix entschied sich hinten auf dem Laster zu sitzen und so fuhren wir dann gegen 10:00 Uhr endlich los. Felix hinten mit einem Bolivianer bei Zement, Rucksäcken und Lebensmitteln, ich vorne mit drei Bolivianern, zwei davon die erste halbe Stunde bis Stunde damit beschäftigt sich eine Kokabacke zu stopfen, bis die so groß war wie meine Faust. Wir hielten nur noch einmal kurz vor Ortsende, weil Don Gaston mit einer Tüte voll Bananen wedelte, die er mir gekauft hatte. Leicht verwirrt nahm ich die entgegen und fragte mich, was Felix und ich mit einem halben Dutzend Bananen anfangen sollten, auf unserer kurzen Fahrt in unsere Dörfer. Hm, zweimal verschätzt.

Die kurze Fahrt war eindeutig etwas länger. Nach drei Stunden oder so erfuhr ich, dass wir einen Umweg fahren mussten, weil der direkte Weg (der wirklich nur kurz ist) nach Karachi nicht befahrbar ist - er wird neu gemacht.

Der Weg war... interessant. Wir fuhren insgesamt ungefähr sieben Stunden. Über Stock und Stein. Und zwar Wort wörtlich. Aber eher mehr Stein. Nach unserer Reise war mir definitiv etwas übel. 
Wir wurden gut durchgeschüttelt.

Zunächst fuhren wir durch die für Sucre und Umgebung übliche Gegend, an die wir uns schon gewöhnt hatten. Viel Staub, sandig, trocken, braun. Vereinzelt ein paar recht ausgedörrt aussehende Bäumchen und Sträucher. Das ganze recht hügelig. Dann aber fuhren wir hoch, immer höher. Und die Landschaft wurde grauer, es wurde kiesiger und wenn etwas grün war, dann waren das nur noch knapp kniehohe Sträucher. Nach einer Weile mussten wir natürlich wieder bergab, denn dass da oben niemand lebte war offensichtlich. Und auf der anderen Seite dieser Berge waren wir im Dschungel. Als ich nachher mit Felix redete sagte er mir, er hatte das Gefühl wir wären falsch, „wo sind wir denn hier gelandet?“ – wir hatten den gleichen Gedanken. Mit so viel Grün hatte ich nicht gerechnet. Viele Bäume, Sträucher, dazwischen (es gab nicht viel dazwischen) auch Wiese. Ein Bach hier, ein Rinnsal da. Insekten, Vögel. Sehr viele Blumen in jeder Farbe. Im Tal ein Fluss. 

Wir fahren ins Tal, folgen dem Fluss und sind schließlich irgendwann in La Revuelta. Es ist ganz anders, als wir erwartet hatten, wir wurden nicht vorgewarnt. Es ist warm. Sehr warm. Die Luft ist angenehm, nicht zu trocken, es ist lebendig. Es ist wunderschön. 
Eine wirklich atemberaubende Landschaft.

La Revuelta ist recht klein. Der Mittelpunkt dieses Ortes ist ein großer, ziemlich ausgetrockneter Fußballplatz, darum stehen ein paar Hütten und Häuser und es gibt eine Schule mit zwei Klassen. 
An der Straße, die in den Ort hineinführt stehen ein paar weitere Häuschen, auf der Straße hinaus ebenfalls, und dort befindet sich auch das Centro de Salud, in dem ich mit ein paar Lebensmitteln und den Zementsäcken abgeladen werde.

Von dem was geredet wurde verstand ich wieder nicht wirklich viel. Das was ich verstand war, dass ich anscheinend bis morgen bleiben würde und dann wurde mir mitgeteilt meine Sachen in ein Zimmer zu bringen und auf ein Bett gedeutet, wo ich die Nacht verbringen würde. Als alles ausgeladen war fuhren Felix und die anderen weiter – und ich war allein.

Das Centro de Salud besteht aus einem Behandlungszimmer, einem Geburtssaal, einem Zahnarzt-Zimmer, einem Raum in dem Medikamente ausgegeben werden und einem Raum, in dem nur zwei Betten standen. Außerdem gab es ein Zimmer, in dem die Krankenschwester lebte, eine Küche und ein großer Raum, in dem Medikamente in vier Kühlschränken gelagert werden. Es gibt eine Zahnärztin (Dentista), eine Ärztin (Doctora) und eine Krankenschwester mit ihrer Tochter
Tja und dann war da noch ich.

Gemütlich, oder?
Ich hatte nichts zu tun und saß erst eine Weile in „meinem Zimmer“ (das übrigens auch spannend war) und habe Tagebuch geschrieben. Dann wurde mir langweilig und ich hab den Frauen beim Kochen geholfen und danach mit ihnen Zuckerrohr oder so gegessen. Sie waren zwar irgendwann nett, aber am Anfang waren sie einfach nur gemein. Ich meine, ja okay, mein Spanisch war echt mies, aber ich hab mir Mühe gegeben. Und die Frauen meinten die ganze Zeit, mich auslachen zu müssen, wenn ich etwas nicht verstehe, oder mich nicht richtig ausdrücken konnte.
Nun ja, witzig wurde es, als die Ambulancia vorbeifuhr und die Ärztinnen aufsprangen und mich fragten, ob ich meine Compañeros nicht begrüßen wollte. Ich war leicht verwirrt, meine Compañeros, Debby, Marie, Tina und Felix, waren ja schließlich in ihren Einsatzstellen, oder unterwegs dahin. Trotzdem folgte ich den Ärztinnen raus zur Ambulancia und tada, da standen meine vier deutschen Dentistas.

Zu Dentistas einen kurzen Ausflug, da ich sie bisher noch nicht erwähnt habe. Über Max Steiner, den Kopf von Hostelling International, laufen außer unserem Freiwilligen-Projekt noch einige andere Projekte. Unter anderen ein Projekt, im Zuge dessen jedes Jahr eine Handvoll Zahnärzte hier nach Sucre kommt und umsonst in Schulen Kinder und Erwachsene behandelt, und ihnen Zahnbürsten mitgibt. Sehr viel mehr weiß ich nicht über dieses Projekt, aber es ist auf jeden Fall eine ziemlich gute und wichtige Aktion, da die Menschen hier nicht wirklich ihre Zähne putzen, viel Süßes und Zucker essen – und dementsprechend auch ihre Zähne aussehen. In Sucre, bei ihrem ersten Stop lernten wir dann vor ein paar Wochen die diesjährigen Ärtze kennen, zwei Jungs, Tibor und Patrick und zwei Mädels, Ann-Kristin und Tanja. Am Anfang der Woche, in der auch wir in unsere Dörfer fuhren, fuhren die Zahnärzte ebenfalls nach El Villar, ihre zweite Station, wo wir uns also wieder trafen und nach einer Woche El Villar ging es dann eine Woche in ein Außendorf von El Villar. Uns wurde zwar gesagt, sie gingen nach Rodeito, also in das Dorf, in dem Felix arbeitet, aber wie ich dann feststellte, kamen sie wohl nach La Revuelta.

Für mich hieß das, ich war nicht mehr allein. Ich half beim Ausladen und so gut ich konnte beim Aufbauen. Mein Zimmer und der Zahnarzt-Raum wurden zu Behandlungszimmer erkoren, was bedeutete, dass neben meinem Bett verschiedene zahnärztliche Gerätschaften aufgebaut wurden, was mein Zimmer nicht unbedingt gemütlicher machte.

Am nächsten Vormittag kam Don Gaston und erzählte mir, dass ich eigentlich in der Schule hätte abgeladen werden sollen und da arbeiten sollte, bis ich nach Karachi kam. Also steckte er mich in die Schule und ich stand vollkommen unvorbereitet vor ein paar Kindern, die noch nie mit einem Freiwilligen zu tun hatten und es deshalb genauso witzig fanden, wie die Ärtze im Centro de Salud, dass ich fast nichts verstand. Ich unterrichtete drei Stunden Englisch und die Kinder aus „meiner Klasse“ gingen nacheinander zu den Zahnärzten, die dann jede Menge zu tun hatten.

Wann ich jedoch endlich nach Karachi könnte stand in den Sternen, von Don Gaston bekam ich die Info: „Hm, vielleicht morgen oder übermorgen oder so.“ Aber die Lehrerin der Klasse, in der ich dann ein bisschen unterrichtete, teilte mir mit, dass nachmittags eine Camioneta (ein Kleintransporter) aus Monteagudo kommen würde, die bis Karachi fahre. Wieder einmal wurden als meine Habseligkeiten zusammengepackt und gewartet, bis besagte Camioneta endlich kam. Gegen 17:00 Uhr war es dann so weit und mein Rucksack wurde wieder hinten auf den Laster geladen. Allerdings gab es diesmal keinen Platz für mich in der Kabine und mir wurde dabei geholfen, auf die Ladefläche zu steigen. Dort waren zwei Holzbretter als Sitzbänke angebracht und es gab Stangen, an denen man sich festhalten musste. So ging es los.

Die Landschaft wurde noch schöner. Gelbe Blumen, der blaue Fluss und hohe Berge neben uns. Die Sonne ging unter und tauchte alles in goldenes Licht. Es war wunderschön und ich entschied mich, dass auf einer Camioneta oder einem Camión hinten sitzen definitiv ein schönes Erlebnis ist. Gegen 18:30 Uhr ungefähr kamen wir in Karachimayu an. Ich sah leider nicht mehr wirklich viel, da es dort keinen Strom gibt und deshalb, sobald die Sonne untergegangen ist, alles dunkel ist. Wir hielten zwischen zwei Häusern, mir wurde gesagt, den Rest solle ich mit einem Herrn mitlaufen, der den Weg zum Internat wisse. Also gut. Ich packte meine Säcke und los ging es. Es war kein weiter Weg, aber im Dunkeln einen Trampelpfad durch Büsche und Sträucher zu verfolgen ist schon spannend, wenn man ihn nicht kennt.

Und dann kam ich an. Ich wurde begrüßt von einer Profesorin (Lehrerin) namens Yolanda, die mir mein Zimmerchen aufschloss und kurz darauf stoß Profe Primo zu uns, der eine Taschenlampe dabei hatte (was ich mir glorreicher Weise nicht angeschafft hatte). Ich verstaute meine Rucksäcke schnell im Zimmerchen, entschied mich alles weitere am nächsten Tag bei Licht zu machen und folgte dann noch der Einladung durch Primo, bei ihm einen Tee zu trinken, bevor ich vollkommen erledigt gegen 20:00 Uhr ins Bett fiel.


Ich war endlich angekommen.