Dienstag, 26. Mai 2015

Evo Morales

Oder: "La caballería de Joana de Azurduy y Manuel Ascencio Padilla"

Mittwoch, der 20.05.2015
Kurz vor Unterrichtsende kommt der Hausmeister in den Computer-Raum und meint, wir sollen die Computer ausmachen, es gäbe eine Verkündung durch den Direktor.
Alle begeben sich auf den Schulhof und stellen sich wie gewohnt in Reihen nach Klassen auf.
Dann beginnt der Direktor: "Guten Mittag, gerade habe ich erfahren, dass wir morgen Besuch bekommen. Der Präsident Juan Evo Morales Ayma kommt morgen gegen 10 Uhr nach El Villar." - Wie bitte? Alle schauen sich verwirrt an. "Der Präsident des Plurinationalen Staates von Bolivien kommt uns morgen besuchen, bitte räumt heute nachmittag die Straßen rund um die Schule auf und seid morgen alle schön angezogen da."

Meine Mitfreiwilligen Tina, Marie und ich schauen uns an. Wir sind... leicht überrascht. Aber hey, Spontaneität ist eben auch eine herausragende Eigenschaft der Bolivianer.

Den ganzen nachmittag wird in El Villar aufgeräumt, Jugendliche üben einen Tanz ein und gegen 17 Uhr nachmittags kommen auf einmal fünf LKWs voll mit Soldaten an - alle Mädchen zwischen 8 und 20 sind leicht aus dem Häuschen.

Notiz am Rande: Während ich in Deutschland großen Respekt, manchmal auch ein bisschen Angst vor Polizei und Soldaten habe, kann man eben diese hier in Bolivien nicht wirklich Ernst nehmen. Sie haben zwar auch sehr große Macht, aber mit einer gewissen Menge an Kleingeld kommt man aus jeder Situation wieder raus und was ihre Reaktion uns "Chocas" gegenüber angeht sind die männlichen Soldaten nicht anders als andere bolivianische Männer: "Ooooh, hey Hübsche! Wow, wie schön du bist!...", und an Pfiffen wird auch nicht gespart. Aber nun ja.

Donnerstag, 21.05.2015
Der Tag des Besuches des Präsidenten.

Morgens wird weiter aufgeräumt und aufgebaut. Im Laufe des Vormittags füllt sich das Dorf weiter, neben den knapp 120 angereisten Soldaten kommen auch immer mehr Bauarbeiter der Gas-Gesellschaft, die Gas in alle Häuser verlegt haben - Evo kommt um "das Gas einzuweihen".

Alle sind aufgefordert, ihr Häuser mit den Flaggen von Bolivien (Rot, Gelb, Grün) und El Villar (Rot, Weiß, Grün) zu schmücken - ein schönes Bild.
Pünktlich um 10 Uhr steht die gesamte Grundschule und auch viele andere Leute in der Straße, wo das Spektakel stattfinden soll. - Doch Evo kommt nicht.
Es heißt, sein Helikopter (!) lande auf dem Fußball-Feld am Ende des Dorfes und einige wollen hingehen um ihn zu empfangen, alle die können mit Pferd.
Ich als kleine Pferde-Närrin bin begeistert und will mit, meine Mädchen haben allerdings Angst etwas zu verpassen und so bleiben wir in der Nähe der Schule, wo die Tribüne steht.

Wir treffen den Direktor des Colegios ("Oberschule") - zu Pferd, mit einem zweiten Pferd, das er führt. Er fragt mich, ob ich mitreiten will. Aus der Laune heraus sage ich zu und springe auf. Da von Evo noch keine Spur ist, werde ich schon nichts verpassen. Der Direktor, Don Carlos, behält noch eine Weile die Zügel, doch recht schnell übergibt er sie mir. So reiten wir zu zweit durchs Dorf auf der Suche nach weiteren Caballeros (Reitern). Wir kommen an seinem Haus vorbei, er geht seine Bolivien-Flagge holen und bringt mir noch eine zweite mit.
Immer mehr Leute schließen uns an, auch viele Junge aus dem Colegio. Langsam aber sicher merke ich, dass ich wohl dazu gehöre und als Flaggenträgerin mit Evo in Empfang nehmen werde.

Tja, da sitzt sie, die Toni, auf dem wunderschönen Choco - die Choca (helles Mädchen) auf dem Choco (helles Pferd).
Bei einer unserer Runden durch das Dorf auf der Suche nach noch ein paar mehr Reitern.
Der Plan ist, mit den Pferden eine Straßensperre zu machen, sodass Evo und seine Leute mit dem Auto nicht durchkommen und reiten müssen. - Es funktioniert, als Evo ankommt reiten wir alle zu einer ausgemachten Stelle und machen zu. Es sind ein bisschen mehr als zehn Pferde (wenn ich mich richtig erinnere).
Evo kommt mit seinem Auto an, steigt aus und ich sehe ihn nicht. Auf einmal reitet ein Mann in weißem Polo-Shirt und schwarzen Jeans winkend an mir vorbei, unsere Blicke treffen sich, er schaut kurz erstaunt und nickt mir zu. Ich glaube, das ist er.

Evo Morales, der Präsident von Bolivien.
Wir reiten zu der Straße mit der Tribüne, wo sich in der Zwischenzeit die Soldaten platziert haben. Diese sind nämlich nicht, wie vielleicht erwartet, für die Sicherheit des Präsidenten da, sondern nur um ein bisschen Show zu machen und ganz laut die Nationalhymne mitzusingen.

Die Uniform, die sich die Soldaten für Evos Ankunft angezogen haben, scheint mir auch nicht so einsatzfähig.
Wir, die Kavallerie, bleiben während der Hymne und einer ersten Rede da, doch dann bekommen alle Reiter "Durst" und es wird Richtung einer Chicheria (da wird Chicha, dieses Mais-Bier gemacht) geritten. Dort trinken alle ein oder zwei Becher Chicha und pünktlich zum Abschied von Evo sind wir wieder zurück zum Schauplatz.

Diesmal will Evo allerdings so schnell er kann zurück und somit nicht reiten (sein Minister kann nämlich nicht reiten und muss geführt werden, was die Geschwindigkeit leicht einschränkt). Die Kavallerie folgt dem Auto galoppierend. Ich zunächst nicht, da Don Carlos nämlich weiß, dass ich schon recht lange nicht mehr auf einem Pferd saß, hat er ein bisschen Angst um mich und reitet mit mir in langsamem Tempo hinterher. Doch ich habe keine Angst und will nichts verpassen, das sage ich ihm und er erlaubt mir, so schnell ich mir zutraue zu reiten. Ich treibe mein Pferd an und irgendwann fliege ich im Galopp mit der Fahne in der einen und den Zügeln in der anderen Hand durchs Dorf. Mein Pferd ist super und reagiert auf die sanftesten Kommandos, so gelange ich glücklich und unversehrt zum Fußball-Feld.

Gerade noch rechtzeitig, der Helikopter startet schon. Doch auch hier ist mein Pferd ganz ruhig und ich kann unbekümmert meine Flagge schwenken, als der Helikopter geräuschvoll abhebt.

Danach reiten wir zurück ins Dorf zum Haus von Don Carlos, allen voran eine vor Glück strahlende Antonia. Die anderen Reiter bleiben dort und gönnen sich noch einige Becher Chicha, ich klinke mich aus und gehe zum Mittagessen ins Hostel. Auch später gehe ich nicht zurück, denn Pferde ja, saufen eher nein, und das ist die Beschäftigung der anderen Reiter für den Nachmittag.

Ein ereignisreicher Tag, mein Gesicht hat mittags etwa die Farbe meines knallroten Hemdes (leider hatte ich morgens die Sonnencreme vergessen), doch ich bin unendlich glücklich mal wieder geritten zu sein - und natürlich war es auch spannend den Präsidenten aus einem halben Meter Entfernung zu sehen.

Mein Pferd, meine Flagge und ich - zumindest für den Tag.
Fotogen bin ich eben doch irgendwie nicht, aber naja, Mama, hier ist ein Bild, auf dem ich in die Kamera schaue.



Mittwoch, 13. Mai 2015

Alle Kinder lernen lesen...

Tja, lernen tun sie es vielleicht schon. Aber wie sie es lernen, und vor allem, wie sie es dann irgendwann können, das ist nochmal eine andere Frage.
Ich muss gestehen, ich weiß nicht mehr, wie wir damals in der Grundschule Lesen und Schreiben gelernt haben. Aber ich weiß noch, dass ich immer Spaß an Büchern hatte und zum Beispiel in der 4. Klasse schon selbstständig gelesen habe.
Die Kinder hier lesen schlecht. Sie lesen grundsätzlich laut, auch nur einige wenige Erwachsene, bekomme ich leise lesend mit. Sie können die Sätze nicht gut betonen und, das für mich schlimmste und unverständlichste, sie lesen ohne zu verstehen, sie lesen ohne zu denken.
Gestern machte ich mit einer meiner Schülerinnen Deutsch, sie musste einen Text lesen und Fragen beantworten. Sie las den Text zwei Mal und als ich sie danach fragte, wusste sie nicht, um was es in dem Text ging.
Ähnlich traurig, sieht es mit der Rechtschreibung aus. Naja, das ist sogar eigentlich noch schlimmer.
Nicht einmal die Lehrer beherrschen diese richtig.
Ein paar Beispiele:
In Karachimayu hängt in der 1. Klasse ein Plakat mit dem ABC, mit dem Titel "AVECEdario" (eigentlich sollte es ABECEdario heißen, logisch kommend von den ersten drei Buchstaben, A, B und C).
Gestern besuchte uns eine Psychologin in einer Reunión (Konferenz) und hielt einen Vortrag mit dem Titel "Crecer vien para vivir bien" (Gut aufwachsen, um gut zu leben). "Bien" (gut, so ist es richtig geschrieben) in zwei verschiedenen Schreibweisen in einem Satz.
Der Namensgeber des Colegios heißt Eduardo Abaroa, manchmal auch Eduardo Avaroa, niemand weiß das so genau; und so kommt es manchmal vor, dass es in der Stadt eine Straße "Calle Eduardo Abaroa" gibt, die an einer Kreuzung auf einmal zu "Calle Eduardo Avaroa" wird.
Dieses Problem mit "b" und "v", ist ziemlich schlimm. Es heißt auch "b grande" (großes b) für "b" und "b chico" (kleines b) für "v", es ist fast der gleiche Laut.
Ähnliche Probleme gibt es bei "s", "c" und "z", weil diese sich auch oft ähnlich anhören.
Viele Wörter fangen mit "h" an, doch niemand scheint zu wissen, welche, weshalb das "h" grundsätzlich weggelassen wird (das "h" ist hier stimmlos).
Trotzdem muss man sagen, dass es eigentlich nicht so schwer ist.
Wir Ausländer können es ja auch. Und selbst in unserer Muttersprache, in der wir keine Vokabeln gepaukt haben, beherrschen wir solche Herausforderungen, mit ähnlich klingenden Worten. Und auch wenn vielleicht nicht alle, zumindest Lehrer wissen so etwas sicher.

Samstag, 25. April 2015

Zahngeschichten

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Aber es ist erschreckend. Man ist immer wieder geschockt.

Vielleicht hierzu kurze Gesprächs-Beispiele:

Karachimayu
Raul und ich treffen uns morgens am Waschbecken, wir putzen beide Zähne. Irgendwann:
Raul: „Oh, autsch.“
Antonia: „Tut dir was weh?“
Raul: „Ja, meine Zähne, aber das ist kein Problem, dann muss man einfach so putzen.“ – Hält seine Hände unters Wasser und reibt mit seinen nassen Fingern seine Zähne ab.
Antonia (schaut ein bisschen verwirrt): „Aha..?“
Raul: „Tut dir das (mit der Bürste) nicht weh?“
Antonia: „Nein, eigentlich nicht.“
Raul ist 3 Jahre alt.

El Villar
Als Gast im Computerunterricht bei Marie in El Villar. Eine ihrer Schülerinnen isst einen Lutscher.
Schülerin: „Oh, Antonia, du hast aber schöne Zähne!“
Antonia: „Oh, Danke.“
Schülerin: „Du isst bestimmt nicht viele Süßigkeiten, oder?“
Antonia: „Nein, das schmeckt mir nicht so…“
Schülerin: „Ahaaaa.“

El Villar
Marie und ein Schüler in ihrer Inicial-Klasse (Vorschule):
Manuel (reißt den Mund auf und zeigt ihr ein Loch im Zahn): „Das tut weh…“
Marie: „Ja, du musst deine Zähne putzen!“
Manuel: „Und dann geht das weg?“

Karachimayu
Ich helfe Doña Leonidas in der Küche, auf einmal wird sie blass, fasst sich an die Wange und setzt sich hin.
Leonidas: „Hast du vielleicht eine Paracetamol?“
Antonia: „Ich hab Iboprufen, wieso?“
Leonidas: „Ich hab seit heute Morgen höllische Zahnschmerzen, ich kann mich kaum bewegen.“

El Villar
Mittlerweile habe ich meine Einsatzstelle gewechselt, bin selber in El Villar. Als Gast mal wieder bei Inicial. Die Kinder putzen sich seit ein paar Wochen immer nach dem Essen die Zähne.
Liliana putzt nur von außen die Zähne. Ich sage ihr, sie müsse auch die Zahnflächen putzen, zeige ihr kurz wie, doch obwohl ich fast keinen Druck ausübe, zuckt sie zusammen. „Oh, das tut aber weh!“


Nun ja, und dann gibt es noch die ganzen Erwachsenen ohne Zähne, oder mit Goldzähnen, Jugendliche mit auf den ersten Blick ganz guten Zähnen, aber wenn sie dann lachen, sieht man den Karies auf den Backenzähnen.

Freitag, 10. April 2015

Weil wir so schön sind, so schlau sind, so schlank und rank

 Mein bisheriges Bild von Bolivianern war eher so: Bolivianer sind sehr entspannt, in allen Lebensbereichen. Sie lieben den Sport, vor allem Fußball und Fútsal. Viele scheinen deshalb auch in Sportklamotten zu leben. Jogginghosen sind in allen Lebenslagen und für alle Berufe durchaus tragbar. Sie lieben Farben, tragen sehr bunte Klamotten. Sind zum größten Teil nicht eitel oder eingebildet.

Und dann war die „Semana del Colegio“ (Woche des Colegios, eine Woche feiern, weil der Namensgeber des Colegios vor so-und-so vielen Jahren gestorben ist).

Jeden Abend waren verschiedene Veranstaltungen im Colegio. Montags begann es mit einer Taufe der Neuen, die von wild verkleideten, tanzenden Monstern rumgewirbelt wurden und dann einen Spitznamen bekamen;  und einer ersten Miss-Wahl.

Ja, Miss-Wahl. In einem derart entspannten und un-eingebildeten Land, eine Sache, die ich nicht erwartet hätte.

Montags gab es also eine Miss-Deporte-Wahl (Miss-Sport). Aus jeder Klasse des Colegios lief ein Mädchen, mehr oder weniger knapp in sportlichen Sachen bekleidet, eine Runde über den Schulhof. Es gab eine Jury und fast jedes Mädchen wurde lauthals von seiner Klasse unterstützt.

Dienstags gab es eine „Miss Bufa“-Wahl, bei der Jungen als Mädchen verkleidet über den Catwalk stolzierten und danach tanzten. Diese Aktion war ziemlich witzig. Aber diese ersten beiden Wahlen waren nur ein Vorgeschmack auf die Hauptattraktion am Mittwochabend.

Mittwochabend fand nämlich die richtige Wahl der Miss und des Misters des Colegios des Jahres 2015 statt.

Aus jeder Klasse traten diesmal ein Junge und ein Mädchen an, die sich zunächst in Alltagskleidung und danach in Abendmode zeigten.

Alltagskleidung bestand bei den Mädchen zum größten Teil aus sehr knappen Shorts und Trägertops, also einem „Hauch von nichts“ und Absatzschuhen, was nicht so ganz der Alltagskleidung hier entspricht (man trägt eher lange Hosen oder knielange Röcke und Trägertops auch eher nicht); die Jungen trugen zwar normale Kleidung, aber alle Sonnenbrillen, die irgendwie nicht so wahnsinnig schön ist. Aber nun ja, das ist nur meine persönliche Meinung.

Die Abendmode war da schon angenehmer, einige Mädchen sahen wirklich richtig schön aus, einige hatten aber anscheinend nicht so einen guten Berater.

Cristian (9. Klasse), Beatrice/Betty und Jhenry (gesprochen wie Henry) (beide 8. Klasse).

Es gewannen letztendlich ein Abschluss-Schüler, der tatsächlich nicht hässlich ist, und ein Mädchen aus der 10. Klasse, die auch wirklich eine der schönsten Mädchen der ganzen Schule sind.

Alvaro, Iberth Lusi, Cristian und Elvis beim Quatsch machen.
Ademar, Iberth Luis, Cristian und Elvis, unten inder Ecke Miguel. Hier sieht man auch schön die "ccole" Sonnenbrille und bei den anderen Jungs die normale Kleidung, Jogginghosen, -jacken, Kappen und meistens Flip-Flops.
Wir waren mit Pedro, einem Villarejo, der in Sucre im Hostel an der Rezeption arbeite, da.
Debby und ich, die zwei Blondinen der WG. Wir werden ziemlich oft verwechselt, echt unbegründet, oder?


Samstag, 4. April 2015

Mar para Bolivia!

Bolivien hat kein Meer. Seit über 100 Jahren schon nicht mehr. Im Krieg mit Chile und Peru hat Bolivien eines seiner bodenschatzreichsten „Departementos“ (etwa wie ein Bundesland), mit Zugang zum Meer, verloren.

Doch die Bolivianer sind hartnäckig, sie geben nicht auf, sie wollen ihr Meer zurück.

Es gibt eine bolivienweite Kampagne „Mar para Bolivia“ (Meer für Bolivien), die sich auch langsam auf den Rest der Welt ausweitet. Immer mal wieder sieht man auf Facebook Fotos von Prominenten (so zum Beispiel auch Lionel Messi), die ein Plakat mit der Nachricht hochhalten.

In meiner 4. Klasse schreiben wir jeden Tag lokale, nationale und internationale Nachrichten auf, wodurch ich, vor allem was das Meer angeht, immer auf einem recht aktuellen Stand bin.

Vor ein paar Wochen gab es anscheinend eine internationale Konferenz über Boliviens Meer und erst letzte Woche war der Präsident Evo Morales in Chile um das Meer zurück zu fordern.
Außerdem kommt im Juli der Papst Franziskus zu Besuch nach Bolivien, der viele Hoffnungen trägt. Gleichzeitig haben die Chilenen Angst davor, dass der Papst sich auf die Seite der Bolivianer stellt und sich auch für das Meer für Bolivien einsetzt.

Bolivien hat außerdem auch ein Marine, die im Titiaca-See und in den Flüssen im Tiefland stationiert ist, bereit dafür, wieder ein Meerzugang zu haben.

Und seit vielen Jahren wird am 23. März der „Dia del mar“ (Tag des Meeres) gefeiert.

Der Tag des Meeres:

Alle Schüler und Lehrer kommen feingemacht in Hemden, Blusen und Anzügen in die Schule, es wird sich vorbereitet und gegen 900 Uhr gibt es eine große „Formación“ der Escuela (Vorschule bis 6. Klasse), des Colegios (7. bis 12. Klasse) und des IPEPROs (Berufsschule). Es werden reißerische Reden gehalten über Bolivien, das Meer, den Krieg und die bösen Chilenen, die das Meer so gemein geklaut haben. Danach gibt es einen Marsch durch das ganze Dorf. Es ist beeindruckend, mehrere hundert Kinder und junge Erwachsene marschieren alle in hellblauen Blusen und Hemden im Gleichschritt durch El Villar. Dazu gibt es Marschmusik gespielt von der Kapelle des Colegios. Die Erstklässler tragen Schilder wie bei einer Demonstration.

„Mar para Bolivia!“
„Bolivia nací con mar!“ (Bolivien wurde mit Meer geboren!)
Bolivia hacía el mar!” (Bolivien machte das Meer!)

Bolivien machte das Meer!

Danach versammelten sich alle im Colegio und es wurden Tänze, Lieder und Gedichte zu Ehren des Meeres und der (wohl doch nicht so) ruhmreichen Kämpfer vorgetragen.

Ein paar meiner 4. Klässler, die "Zapateo" tanzen.
Die Schüler aus dem IPEPRO führen einen "Cueca" vor.


Die Bolivianer sind in dieser Sache so engagiert, so eifrig dabei, alles zu tun, was sie können, um das Meer wieder zu bekommen, manchmal glaube ich selbst daran. Aber warten wir einfach mal ab, vielleicht verlassen wir in knapp drei Monaten ein Land mit zehn „Departementos“ und Meer.

Sonntag, 22. Februar 2015

Yotalilla oder „Wir finden dich!“

Wasserfälle sind ja schon was Schönes. Ich muss zugeben, ich bin ein kleiner Fan geworden. Unser Jahr hier in Bolivien begannen wir mit einem Ausflug zu den „Siete Cascadas“, in unseren Ferien reisten wir zu den Iguazu-Wasserfällen nach Argentinien und wir haben gehört, hier in der Nähe von El Villar gäbe es auch einen Wasserfall. – Den können wir uns nicht entgehen lassen!

Den ersten Versuch starteten wir schon Anfang Dezember. Wir ließen uns von einem befreundeten Bolivianer den Weg erklären und brachen auf. Badesachen und Mittagessen dabei – man sei innerhalb von eineinhalb Stunden, spätestens zwei da.

Wir liefen also den Berg hoch, folgten dem beschriebenen Pfad. Oben angekommen machten wir kurze Rast, genossen die Aussicht – und stellten fest, dass wir keinen Weg finden konnten, der auf der anderen Seite runterführen sollte. Da wir aber wussten, dass wir einfach erst mal ins Tal kommen mussten suchten wir uns etwas aus, das wie ein Pfad aussehen könnte und begannen den Abstieg. Nach fast zwei Stunden standen wir mitten im Grünen am Berg, es gab keinen Weg mehr und wir waren vollkommen zerkratzt und erschöpft. So entschieden wir uns, einfach wieder umzukehren. Berge hinaufklettern ist manchmal schwerer als hinab, doch nach einer weiteren Stunde hatten wir es wieder auf die Bergspitze geschafft. Dort aßen wir Mittag und entschlossen uns, umzukehren.

Der Blick auf El Villar.


Der Wunsch, den Wasserfall zu besuchen war jedoch nicht verschwunden, und so überlegten wir nicht lange, als uns vor ein paar Wochen eine Freundin fragte, ob wir mit ihr und ein paar anderen zu „Yotalilla“ gehen wollten.

So standen wir am folgenden Samstagmorgen, wieder bewaffnet mit Badesachen und Mittagessen, vor ihrer Tür. Unser Ausflug begann damit, dass Debby und mir eine Kappe und ein Sonnenhut aufgedrückt wurde, „wir würden sonst verbrennen“. Unsere Gruppe bestand aus Debby, Marie und mir, Abi, der Tochter unserer Köchin, Milena, der Tochter von Maries Lehrerin und unserer Nachbarin, Noelia, einer Freundin von Mile, Franz, einem Freund von uns, der gleichzeitig Miles Cousin ist und Noelias zwei Hunden Rocky und Sami.

Noelias Vater fuhr uns aus El Villar raus zum Fuße des Berges, über den man musste. Wir stiegen hinauf (soweit hatten wir es letztes Mal auch geschafft) und oben erklärte Noelia, sie kenne den Weg. Also folgten wir ihr – in die komplett andere Richtung, als wir beim ersten Mal gelaufen waren. Und siehe da, nach einer ersten Kurve konnte man einen Trampelpfad erkennen. Diesem folgten wir eine Weile, bis wir uns auf einmal an seinem Ende wiederfanden. Noelia war voller Hoffnung und meinte, der Weg würde sofort wiederkommen. Wir begannen also mal wieder einen Abstieg in den Urwald. – Der Weg kam nicht wieder. Aber wir gaben nicht auf und schlugen uns weiter durchs Grün. Und irgendwann kamen wir bei einer Hütte raus. Große Erleichterung, denn eine Hütte hieß, dass hier Leute waren, die wir nach dem Weg fragen konnten. Dies taten wir und keine zehn Minuten später waren wir am Fluss. Diesem folgten wir noch ungefähr eine halbe Stunde und dann waren wir endlich da.

Wir zogen uns um und sprangen in das erfrischend kalte Wasser. Unsere vierbeinigen Begleitungen fanden das allerdings nicht so toll und sprangen uns wild bellend nach. Sie schwammen vor allem auf Debby, Marie, Franz und mich zu und schnappten nach uns. Ich verstand die Welt nicht mehr: die Hunde kannten uns und waren normalerweise Engel auf Erden, aber auf einmal versuchten sie uns zu beißen! Debby und ich gingen aus dem Wasser und redeten mit Noelia, ob sie ihre Hunde bitte zurückholen könnte. Darauf erklärte sie uns allerdings, dass die zwei dachten, wir würden ertrinken und uns nur retten wollten. – Eigentlich super nett, aber nicht so angenehm, wenn sie einen dabei kratzten oder eben doch bissen. Für mich war die Schwimmerei vorbei, ich hatte zu viel Angst und außerdem kam es mir wie Folter vor, vor den zwei Hunden ins Wasser zu springen, die darauf total panisch reagierten, zitterten, bellten und einen letztendlich retten wollten.




Die anderen blieben noch eine Weile im Wasser, Marie fand später auch heraus, wie sie die zwei Hunde beruhigen konnte, sodass sie sie nicht mehr „retten“ wollten. Wir aßen Mittag und spielten danach noch eine Weile Flaschendrehen, was ganz witzig war.

Später nahmen wir den Rückweg wieder in Anschlag, gingen aber diesmal den Weg, den auch Autos nutzen können. Dieser ist ein wenig länger, aber auch ziemlich schön und definitiv leichter. Nach ungefähr drei weiteren Stunden laufen kamen wir pünktlich mit der Dunkelheit in El Villar an – gönnten uns eine Dusche, Abendessen und fielen erschöpft ins Bett.

Die Landschaft beim Rückweg.

Ohne meinen super-sexy (geliehenen) Sonnenhut ging gar nichts, die Sonne verbrennt einen hier sehr unbarmherzig.

Die ersten Häuschen von El Villar auf dem Rückweg.
Unseren bisher letzten Ausflug nach Yotalilla unternahmen wir ein paar Wochen später, diesmal mit unserer gesamten Nachbarsfamilie. Willma, Maries Lehrerin, Milena, Cindy und Ariel (ein Junge), ihre Kinder, ihr Mann Maximo, Franz, der ja auch letztes Mal schon dabei war, und dann von uns aus dem Hostel die zwei Mädchen Danya und Abi, die Töchter unserer Gasteltern und der Köchin und wir vier Mädels, Tina, Debby, Marie und ich.

Dieses Mal war wohl das einfachste: Wir fuhren mit Maximos Volqueta (ein „Kipp“-Laster) soweit wir konnten und liefen den Rest, der nur noch etwa eine Stunde Fußweg war. Maximo kam nicht mit zum Wasserfall, er hatte anscheinend noch etwas zu tun. Wir liefen hin und sprangen wieder jubelnd ins Wasser.

Wir schwammen eine Weile, diesmal total entspannt ohne Hunde und später gab es scharfen Salat und für die Fleisch-esser wurde gegrillt.

Zurück mussten wir ein bisschen mehr laufen, als auf dem Hinweg, aber es war nichts gegen unsere Riesen-wanderung beim ersten Mal.

Diesmal wurden wir auf dem Rückweg mit einem Regenbogen beglückt.
Yotalilla es una cascada pequena, pero de verdad muy, muy linda!
(“Yotalilla ist ein kleiner Wasserfall, aber wirklich sehr, sehr schön!”)



Sonntag, 15. Februar 2015

Karneval

Juhu, die fünfte Jahreszeit! Als geborene Kölnerin für mich natürlich eine der schönsten Zeiten im Jahr: Karneval!

In Deutschland leider immer nur ordentlich eingemummelt zu genießen, ist hier die Zeit der Jecken im Spätsommer.

Schon zwei Wochen vor dem Karnevalswochenende ging es los. Hier ist eine sehr beliebte Tradition an Karneval das „Wasserbomben-Werfen“, wahlweise auch mit Farbe, Tinte oder Schaum, in El Villar allerdings klassisch mit Wasser.
Wir als Freiwillige waren natürlich ein beliebtes Ziel und blieben so keinen Tag in den zwei Wochen vor Karneval trocken. Den pubertären Jungs, die den Großteil der Wasserbomben warfen, hatten sogar so viel Spaß daran, dass sie 1 ½ Stunden, während wir im Spielesalon arbeiteten, vor dem Salon warteten um uns danach nass zu machen.

Ein klein bisschen nass, es ging definitiv schlimmer.
Die „Karnevalshochburg“ Boliviens ist die Stadt Oruro zwischen Potosí und La Paz. Mit ungefähr 3700m Höhe ist die deutlich höher gelegen als Sucre und El Villar, was sich auch sehr auf das Klima auswirkt – aber dazu später.
Wir wollten uns diesen (drittgrößten) Karneval (der Welt, nach Rio de Janeiro und São Paulo) nicht entgehen lassen und so fuhren sämtliche Freiwillige aus den Dörfern um Sucre freitags in die Stadt.
Zwei befreundete Freiwillige, die zurzeit für einen Sprachkurs in Sucre sind, hatten sich bereit erklärt, für uns alle Flota-Tickets zu kaufen. Mit den IJFD-Freiwilligen aus Sucre waren wir insgesamt 21 Leute.

Als wir uns abends allerdings beim Busterminal einfanden und unseren Bus suchten, mussten wir feststellen, dass bei dem Kartenkauf etwas schiefgelaufen war.
Wir hatten keine Karten für freitags, sondern für dienstags gekauft. Nach bestimmt einer Stunde von heißen Diskussionen mussten wir dann gegen 22:30 Uhr das Terminal verlassen. Ohne Bus. Ohne Plan. Niedergeschlagen, aber alle mit dem Wunsch, doch noch nach Oruro zu gehen, wenn es nur irgendwie möglich wäre.
Don Arturo, unser Chef in Sucre, den wir zu Hilfe gerufen hatten, überlegte sich alles Mögliche um uns nach Oruro zu bringen. Die Idee war zunächst, mit Taxis zu fahren. Das hätte uns wahrscheinlich deutlich mehr gekostet, als ein Bus, aber war schnell und zuverlässig. In unserer Verzweiflung fingen ein paar tatsächlich an, bei Taxifahrern rumzufragen, für wie viel sie nach Oruro fahren würden – sie verdrehten nur die Augen und fuhren weiter.
Spontan wandte sich eine Freundin an einen vorbeifahrenden Flotafahrer, ob er uns nicht nach Oruro und in der nächsten Nach wieder zurück fahren wolle.

Entgegen aller Erwartungen antwortete der Fahrer nicht sofort mit Nein und wir ergriffen die Möglichkeit. Ein paar Freiwillige und Don Arturo sprachen mit dem Fahrer, dessen Chef und ehe wir uns versehen hatten hieß es: „Er fährt nach Oruro, bleibt da und in der nächsten Nacht geht es zurück.“ Wir konnten es nicht glauben! Es war zwar ein bisschen teurer, als die normale Flota, aber das wunderte niemanden, wir hatten uns schließlich gerade spontan eine Privat-Flota organisiert. Tja, und so ging unser Ausflug nach Oruro zwei Stunden später als geplant, dann endlich los. 19 Freiwillige in einem eigenen Bus.

Nach ungefähr zehn Stunden erreichten wir am Vormittag Oruro. Es wurde sich kurz frischgemacht – und alles was man hatte angezogen. Wir hatten die Höhe unterschätzt und Wetterberichte ignoriert. Es war bewölkt und Regen war angesagt - und wir hatten zu wenig warme Klamotten dabei. Eine Garnitur wurde als Wechselklamotten im Bus gelassen (Vorteil an einem Privatbus), für den Fall, dass man nass würde. Dafür hatten wir uns in Sucre Regen-Ponchos gekauft, die sich dort bei einer Wasserschlacht auch schon bewährt hatten.

Wir gingen also auf die Suche nach einem guten Platz, von wo man die „Entrada“ (etwa wie ein Karnevalsumzug) gut sehen konnte. Schnell mussten wir allerdings feststellen, dass es überall nur sehr teure Tribünen gab. Geldausgebefreudig kauften wir uns für eine solche Tribüne Tickets. Wir hatten einen recht guten Platz und unsere Tribüne war überdacht – also alle zufrieden.

Tina und ich mit unseren schicken Masken.
Die Entrada war unglaublich. Die verschiedenen traditionellen bolivianischen Tänze wurden von mehreren hundert Tanzgruppen vorgetanzt.

Leider machte das Wetter nicht so ganz mit, es war kalt und grau und immer mal wieder fing es an zu regnen. Das gute: wir wurden dank Plane nicht nass. Das schlechte: das ganze „Dach“ war nur provisorisch und stürzte irgendwann fast ein. Aber zum Glück hatte jemand ein Messer und bevor wir von den Wassermassen und Blechstangen erdrückt werden konnten, schnitt er ein Loch in die Plane.

Die Entrada ging den ganzen Tag und fast die ganze Nacht. Wir jedoch fuhren gegen 300 Uhr nachts wieder zurück. Etwas klamm, durchgefroren, aber doch alle mit einem Karneval-Glitzern in den Augen.

Doch nein, Karneval war noch nicht vorbei. Sobald wir wieder in Sucre waren und den Fehler begangen, zur Plaza zu gehen um etwas einzukaufen wurden wir in eine riesige, stadt-weite Wasserschlacht verwickelt. Zum Glück konnte man an jeder Straßenecke Wasserbomben kaufen und so waren wir wenigstens nicht wehrlos – am Ende jedoch trotzdem ziemlich durchnässt.


Mein Fazit: Es ist anders, aber toll!